Der kleine blaue Balken

Nachmittag auf dem Balkon

Backup, Pflaumenkuchen und ein Stapel Bücher

Es ist Sonntag und es ist heiß, und wenn ich sage heiß, dann meine ich heiß, viel zu heiß. 34 Grad oder so. Nur ein verträumtes Lüftchen schaufelt mir frisch aufgebratene Luft in mein schattiges Balkonplätzchen. Heute Nacht gab es einen Stromausfall, in dessen Folge, oder vielleicht auch nicht, mein wichtigster Datenspeicher, Mail- und Webserver nicht mehr erreichbar war. Kurz um, der Tag war gelaufen.

Die Perspektive den ganzen Tag mit Fehlersuche zu verbringen und im günstigsten Fall eine Rücksicherung, aus dem Augenwinkel, betreuen zu dürfen, mitnichten gerade das, was ich mir für heute so vorgestellt habe.

Jetzt aber nur dazusitzen und gelangweilt die im Schneckentempo voran schleichende Fortschrittsanzeige auf ihrem Weg zu begleiten, ist jetzt auch nicht so spannend. Dieser kleine blaue Balken spricht zu mir, Du hast ca. vier Stunden Zeit etwas Sinnvolleres zu tun als mir zuzuschauen, ich schaffe das ganz allein, glaub mir, denn ich bin schon ein ganz großer blauer Balken.

Gut, dann soll er mal ohne mich weiter machen, er wird das schon schaffen, denke ich so für mich. Es ist nicht einfach loszulassen. Gib Dir einen Ruck, Du kannst ja ab und zu, ganz zufällig mal vorbeischauen.

Mein Blick schweift umher. Aufräumen, klar Aufräumen ist immer eine gute Idee und wenn ich schon mal die Gelegenheit dazu habe, sollte ich diese vielleicht auch gefälligst nutzen. Ich habe aber keine Lust, aufzuräumen. Irgendetwas sortieren, ja, das könnte was sein. Nur was soll ich sortieren? Just in diesem Augenblick öffnet sich die Tür und meine Frau kommt herein. Und, was machst Du so? Ach, herrje, na ja, also, ich hab da doch dieses Problem und zeigte mit dem Daumen über die Schulter. Sie trug ein Tablett, darauf ein frisch gebrauter Kaffee Latte und ein kleiner Teller mit ofenwarmen Pflaumenkuchen. Och ja, das passt, denke ich und setze mich erst einmal wieder auf den Balkon. Der kleine blaue Balken schleppt sich derweil tapfer voran. Ok, ich bin doch schon wieder weg. 

Ein Stapel Bücher. Etwas Lesen kann nicht schaden, man macht dabei nichts kaputt und wird klug, soweit die Theorie. Ich greife nach dem Buch ganz oben – „Einfach Losgehen“ vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denken gehen. Als darüber zu lesen, würde ich jetzt jedoch gerne selbst „Losgehen“, vorzugsweise mit der Kamera und meinem Lieblings35er. Doch es ist viel zu heiß, die Sonne grinst nahezu senkrecht herunter und vielleicht benötigt der kleine blaue Balken ja doch meine Hilfe, unvorstellbar, wenn ich dann nicht da wäre.

Das nächste Buch darunter trägt den verheißungsvollen Titel „Sehen lernen, Die visuelle Fotoschule für stimmig komponierte Bilder“. Wow, 332 Seiten zusammengeschmolzene, papiergewordene Essenz allumfassender fotografischer Weisheit.

Sehen lernen, genau – was ist für einen Fotografen wichtiger als Sehen zu können? Und genau, wie erwartet, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, Seite für Seite offenbart der Autor dem nach Erkenntnis dürstenden und andächtig folgenden Leser, an Bildbeispielen, die Geheimnisse guter Bilder. Nach 20 Seiten und 20 ganzseitigen Bildern mit Erklärungen zu Motiv, Blende und Brennweite, beginne ich plötzlich querzulesen.

Immer wenn ich anfange ein Buch querzulesen, droht ihm das Schicksal z. B. auf einen Stapel gelegt zu werden. Bücherstapel sind wie die zweite Regalreihe im Supermarkt oder wie die unterste Schublade für Dinge, die eigentlich noch gut sind und die man vielleicht noch mal gebrauchen könnte. Aber, Moment mal, das Buch lag doch auf einem Stapel.

Bücher in Regalen haben es geschafft, haben bestanden, sind angekommen. Sie können ihren Rücken präsentieren. Und wenn es ganz gut läuft, dann werden sie auch wieder gelesen. Aber Bücher auf einem Stapel, oh, oh, die werden vielleicht verschenkt oder landen in einer Bücherkiste.
Was macht eigentlich das Losgehen-Buch auf dem Stapel, das gehört doch ins Regal! Und was macht der kleine blaue Balken? Oh, er hat es fast geschafft, ist schon ganz schön lang. Du hast noch etwas Zeit, ich melde mich, wenn ich angekommen bin, sagt er. Abgemacht, bis dann.

Das trifft sich dann auch wieder ganz gut, denn in diesem Augenblick sah ich meine Kamera, das leere Glas Kaffee Latte, die French-Press, den Sonnenschirm und die Balkonblumen.

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